„Sehen statt Hören“: Der Bayerische Rundfunk lädt zum Informationsaustausch ein

Seit 1975 produziert der Bayerische Rundfunk die Sendung „Sehen statt Hören“. Einmal in der Woche berichtet das Magazin speziell für und aus der Welt von gehörlosen und schwerhörigen Zuschauern. So lautet jedenfalls der Anspruch des Senders. So wurde die Sendung viele Jahre lang nicht nur von Gehörlosen, sondern auch von vielen schwerhörigen Menschen regelmäßig gesehen. Schließlich war sie lange Zeit eine der wenigen Fernsehsendungen, die konsequent mit Untertiteln versehen war. Das hat sich inzwischen deutlich geändert. Und in den letzten Jahren wird oft kritisch geäußert, dass sich die Sendung im Wesentlichen mit den Themen der Gehörlosen-Kultur beschäftigt.

Was ist daran? Der Bayerische Rundfunk lud die Verbände der Gehörlosen und Schwerhörigen am 23. Februar 2016 zu einem Informationsaustausch ein. Zum ersten Mal war auch der Deutsche Schwerhörigenbund mit dabei. Für den DSB nahmen der Landesvorsitzende des DSB in Bayern, Werner Hagedorn, und Klaus und Lydia Ulmer an dem Treffen teil. Werner Hagedorn berichtet.

 

Für die Teilnehmer des DSB begann die Veranstaltung gleich mit einer bezeichnenden Enttäuschung. Waren für die gehörlosen Teilnehmer des Gesprächs Gebärdensprachdolmetscher vorgesehen, so fehlte für die schwerhörigen Gäste jegliche Vorkehrung zur kommunikativen Barrierefreiheit. Trotz Voranfrage standen weder technische Hilfen noch Schriftdolmetscher zur Verfügung. Immerhin: Weil diese Situation für Schwerhörige kein untypisches „Versäumnis“ ist, hatten wir Gäste uns vorsorglich eine eigene FM-Anlage mitgebracht. So konnte der Informationsaustausch dann doch einigermaßen entspannt losgehen.

Von Seiten des Bayerischen Rundfunks war die Veranstaltung hochrangig besetzt. Werner Reuß, der Programmbereichsleiter Wissenschaft, Bildung und Geschichte, führte durch die Diskussion. Gleich zu Anfang stellte er heraus, dass „Sehen statt Hören“ eine Spartensendung speziell für die Gehörlosen und deren Sprache (DGS) und Kultur sei.

Dann informierte er über die wirtschaftliche Situation der Sendung. Dass „Sehen statt Hören“ von fast allen dritten Programmen ausgestrahlt wird, bedeutet nicht, dass sich diese Sender auch an den Produktionskosten beteiligen. Nach Aussage des Programmbereichsleiters ist jetzt auch der WDR aus der Mitproduktion der Sendung ausgeschieden. Das reißt ein Loch von jährlich 60.000€ in die Produktionskasse. Hinzu kommt, dass  auch der Bayerische Rundfunk in seinen Budgets Einsparungen vornehmen muss. Davon soll die Sendung „Sehen statt Hören“ aber bis auf weiteres verschont bleiben.

Konsequenz: Durch den Ausstieg des WDR können jetzt nicht mehr so viele neue Sendungen und Berichte produziert werden wie bisher. Bis zu 4 Neuproduktionen sollten trotzdem weiterhin möglich sein.

Um die wirtschaftliche Situation der Sendung zu verbessern, erklärten die Vertreter der Gehörlosenverbände, dass sie sich bei den Verantwortlichen der verschiedenen Rundfunkanstalten für eine Kostenbeteiligung stark machen würden.

Für den Deutschen Schwerhörigenbund war natürlich eine andere Grundsatzfrage von Interesse: Betrachtet sich „Sehen statt Hören“ als reine Spartensendung für die Gehörlosen-Gemeinschaft? Inwieweit werden auch die Themen der lautsprachlichen Schwerhörigen und Ertaubten berücksichtigt? Zu dieser „Gretchenfrage“ stellte die Redakteurin der Sendung Isabel Wiemer in aller Klarheit das Profil der Sendung heraus. „Sehen statt Hören“ sei im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die einzige Sendung, die konsequent in Gebärdensprache produziert oder übersetzt werde. Es sei Ziel der Sendung, sich dort mit den Themen zu befassen, die für Gehörlose und ihre Gemeinschaft von Bedeutung und Interesse seien. Für uns Schwerhörige gäbe es ja die Möglichkeit, unsere Informationen aus anderen Sendungen aus Gesundheit, Politik und Behinderung zu beziehen, die inzwischen auch zum großen Teil untertitelt werden. Dort sei auch der Ort, Fragen und Probleme der Hörschädigung darzustellen.  

Die  Anfrage des DSB griff Programmbereichsleiter Reuß auf. Er kündigte an, gemeinsam mit der Redakteurin Barrierefreie Angebote/Untertitelung, Gabriele Krüger, zu überlegen, wie die Belange der Schwerhörigen und Ertauben sowie der Menschen mit Tinnitus und CI-Träger künftig stärker berücksichtigt werden können und die Verbände zu gegebener Zeit zu einem Gespräch einzuladen. Dort sollen Möglichkeiten besprochen werden, wie und in welchem Formaten auf die speziellen Bedarfe eingegangen werden kann.

Mit diesem Ergebnis gingen dann auch die Vertreter des DSB nicht mit leeren Händen nach Hause. Wann die angekündigte Veranstaltung erfolgen soll, wurde allerdings noch nicht festgelegt.